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wir erzählen Ihre Geschichte...

Geschichten, die zu Geschichte werden, passieren jederzeit und an jedem Ort. Wir halten sie für Sie fest.

Die Großmutter, die ihren Enkeln ihre Familiengeschichte hinterlassen möchte? Das Unternehmen, das anlässlich seines Jubiläums Firmengeschichte ganz besonders aufarbeiten möchte? Wir sorgen dafür, dass Ihre „Story“ erfahr- und erlebbar wird – und bleibt.

Irinis Blog

08Januar

Zwischen zwei Welten

SehnsuchtIch möchte heute gerne einmal der Annahme vieler meiner Freunde und Bekannten und anderer mir im Laufe der Jahre begegneter Zeitgenossen entgegentreten, als Kind von Eltern verschiedener Nationalität und somit zweisprachig und multikulturell aufgewachsen zu sein, wäre ein Segen, ein Gottesgeschenk. Ich behaupte, und ich weiß, ich stehe damit als Betroffene nicht alleine da, unter den mir gott- und familiengegebenen Umständen, ist es …okay, sicher nicht ein Fluch, aber auf jeden Fall zerreißend, zermürbend, schwierig, sehnsüchtig, verloren und anders. Und gleichzeitig auch erhebend, lustig, verrückt, herz- und verstandsöffnend, warm, herzlich, überraschend und - eben anders.

Beginnen wir mit der Sprache. „Ey, Du bist zweisprachig aufgewachsen? Cool, das ist doch toll, direkt zwei Sprachen und Du musstest sie gar nicht lernen.“ Ja klar, sehr cool. Meine Mutter ist Griechin. 1,5 Milliarden Menschen sprechen Englisch, 1,1 Milliarden Chinesisch und immerhin 78 Millionen Koreanisch. Letztere liegen damit auf Platz zwölf der Weltrangliste. Griechisch? Keine Ahnung. (Die Deutschen liegen mit 185 Millionen immerhin auf Platz zehn. Griechenland taucht in der Statistik nicht auf.) Also, einen besonderen Vorteil bei meiner wer weiß wann stattfindenden Weltreise bringt mir dieser Sprachschatz-Vorsprung nicht. Auch wurde Griechisch während meiner Schulzeit weder als Erst- noch Zweit- oder Dritt-Fremdsprache angeboten. Vielleicht hätte ich mich für ein humanistisches Gymnasium entscheiden sollen, dann hätte ich eventuell in Altgriechisch glänzen können. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings eher gering, da Alt- und Neugriechisch bekanntermaßen zwei fast völlig verschiedene Sprachen sind. Okay, ich wusste immer schon, dass „Alpha“ nicht nur der nummerische Wert für eins ist, sondern dem griechischen Alphabet entstammt – aber hat mir das in Mathematik auch nicht den entscheidenden Vorteil gebracht. Oder in sonst irgendeinem Fach.

Auch die praktische Anwendung brachte und bringt so ihre Tücken mit sich. Nicht nur entstammt meine Familie mütterlicherseits einem sehr alten Bauerngeschlecht, sie war auch beheimatet in einem sehr kleinen Dorf auf Kreta. Die Kombination bietet durchaus Sprengkraft. Denn auch in Griechenland artikuliert sich die Dorfbevölkerung marginal anders als die Städter. Der Kreter an und für sich hat dann zusätzlich noch seine ganz eigene, nun, sagen wir mal „schlichte“ Art, sich der Muttersprache zu bedienen. Er verändert das eine oder andere Wort, so dass selbst manch Festlandgrieche mit der Spracherkennung überfordert ist. Natürlich hat meine Mutter stets lupenreines Kretisch mit mir gesprochen. Die zahlreichen Besuche mehrmals im Jahr und immer während der Schulferien haben mein Sprachbild exzellent verfeinert. Lange habe ich gedacht, es sei Zuneigung oder Entzücken, wenn mir die Verwandtschaft aus dem eleganten Athen oder dem gebildeten Thessaloniki den Kopf tätschelte während sie mich griechisch parlieren hörte. Erst viel später als fast schon Erwachsene musste ich erkennen, dass sie mich aufgrund meines schweren Dialektes eher bemitleidet hat oder – im besten Falle – amüsiert war (vergleichbar hierzulande vielleicht mit einem farbigen Kleinkind, dass schwer bayerisch oder schwäbisch plappert).

Aber das war nicht das eigentliche Problem, schon gar nicht, weil ich es als Kind ja nicht wirklich bemerkt habe. Wohl zu spüren bekam ich aber die Anfeindungen und das Getuschel über uns. Nein, nicht hier in Deutschland. Hier habe ich es überhaupt nur einmal erlebt, dass meine Mutter als Kopftuchträgerin beschimpft wurde. Sonst bin ich von solchen verbalen Attacken verschont geblieben. Nein, in Griechenland selbst war es nicht einfach. Wann immer wir zu Besuch bei unserer sehr großen Familie dort eintrafen hieß es, „die Deutschen sind wieder da“. Die kamen dann vollgepackt mit Geschenken aus dem reichen Germania. Die abtrünnige Tochter (meine Mutter), die ihr Volk verraten und einen Deutschen geheiratet hatte (wie konnte sie nur) und die Enkelin (ich), die das griechische „r“ nicht mit der Zunge rollen konnte (ein Umstand, über den sich alle immer lustig machten konnten) und die tatsächlich Tür an Tür mit dem Erzfeind wohnte (den vielen türkischen Mitbürgern im damaligen West-Berlin). Die Geschenke war willkommen, die Schenkenden nicht unbedingt, machten sie doch den Eindruck, auf ihresgleichen von oben herab zu gucken. Und dabei wollten wir doch nur gefallen. Einen Sommer sind wir fast wortwörtlich nur mit den Klamotten am Leib nach Kreta geflogen, weil meine Mutter unbedingt zwei Staubsauger einschmuggeln musste, die als Hochzeitsgeschenke gedacht waren und das Volumen beider Koffer vollumfänglich in Anspruch nahmen. Tja also, in Griechenland war ich in allem zu Deutsch. Zu blond, zu frech, zu freizügig, zu unchristlich. In Deutschland war ich zu Griechisch, nicht blond genug, nicht frech genug, zu religiös und die Mutter eindeutig zu laut und fremdartig.

Und was habe ich dabei die Aufenthalte im kretischen Dorf geliebt! Dank den zwölf Geschwistern meiner Oma gab es zahllose Großtanten- und Onkel, Cousinen und Cousins, sowieso war man mit allen Dorfbewohnern irgendwie verwandt. Beim Essen saß man nicht zu dritt oder viert am Tisch, sondern mit zwölf, sechszehn oder noch mehr Männern, Frauen und Kindern. Immer war es laut, immer lustig und natürlich immer sehr lecker. Jeder kannte jeden, die Haus- und Hoftüren standen bis späte in den Abend offen, nie war man alleine. Und trotzdem gab es diese wundervolle Stille, wenn man außerhalb des Ortes oder am Meer spazieren ging, um einen herum nur das Kreischen der Zykaden und das Rauschen des Meeres.

Die Abschiede waren immer schmerz- und tränenreich und zurück in unserer Zweizimmerwohnung in der Neubausiedlung bin ich fast wahnsinnig geworden vor Kummer und Sehnsucht, eingesperrt in vier Wände und umgeben von Nachbarn, die sich gegenseitig nicht kannten. Das Essen schmeckte fade und selbst in Kreise von Freunden fühlte man sich irgendwie immer allein. Mir fehlte die oft sehr anstrengende, aber allzeit vorhandene Einmischung, Anteilnahme, körperliche Nähe und bedingungslose Liebe, das südländische Temperament, die Musik, das erste Einatmen warmer von Thymianduft durchtränkter Luft beim Ausstieg aus dem Flieger, das Meckern der Ziegen und das Brabbeln der Männer im Dorf-Kafenion, die Leichtigkeit und Unbeschwertheit im Alltag.

Erst viel später musste ich feststellen, in der Zeit, die ich dann dort lebte, dass mir in Griechenland wiederum die Beständigkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Verbindlichkeit fehlten, die Ordnung und Sicherheit, die mein Leben in Deutschland bestimmten. Ein Leben auf Kreta für immer, von dem ich als Kind und Jugendliche immer geträumt hatte, schien unmöglich. Mich nervten die verspäteten Handwerker (wenn sie sich denn überhaupt blicken ließen), die verdreckten Straßen und vernachlässigten Grünanlagen, die Leichtsinnigkeit überhaupt, mit der die Griechen mit ihrem Land und ihren Tieren umgingen. Bei Behörden stieß ich auf lustlose, übellaunige Beamte, die sich tatsächlich nur zu tun herabließen, wofür sie da waren, wenn man ihnen die berühmt-berüchtigten Fakelakia (Umschläge mit Schmiergeld) zusteckte. Den Führerschein hätte ich tatsächlich für sage und schreibe 200,- DM haben können, ein echtes Schnäppchen, in Deutschland hätte ich locker das Zehnfache gezahlt. Habe ich dann auch, denn auf die Fahrstunden wollte ich dann doch nicht ganz verzichten (wie es der griechische Fahrlehrer vorgeschlagen hatte). Kurz, vieles von dem, das mein Leben in Deutschland leicht und angenehm und sicher machte, fehlte mir sehr. So sehr, dass ich wieder zurückkehrte. Natürlich war bei dem Hin- und Hergeziehe auch die Liebe immer ein nicht ganz unwichtiger Faktor.

Lange Zeit dachte ich, nur ein griechischer Mann wäre Mr. Right. Niemand singt schließlich so herzergreifend wie der griechische Mann, niemand liebt und leidet so intensiv, niemand tanzt so männlich, ist überzeugter Macho und bekennender Softy, kann seine Gefühle zeigen – gewollt oder ungewollt - und trotzdem ganz Kerl sein. Okay, auch in dieser Hinsicht bin ich heute schlauer.

Und dennoch, oder gerade deswegen ist da auch heute noch diese Zerrissenheit, die Sehnsucht und das Gefühl, nie wirklich zu Hause zu sein, in der einen Heimat – meiner Heimat. Die liegt wohl irgendwo zwischen den zwei Welten.

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15November

Liebesbrief an Oma Edith

Liebe Oma Edith,

oma was hereoder soll ich Edsche sagen? So wie Opa Dich immer liebevoll genannt hat. Oder „et Edith“ wie Deine unzähligen Freunde und Bekannte? Die konnte ich mir nie auch nur ansatzweise alle merken. So viele im Laufe der Jahre. Kein Wunder, schließlich hast Du fast sechzig Jahre Deines Lebens in dem gleichen Haus in der gleichen Straße im gleichen Ort gelebt. Du warst bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Aber das liegt natürlich nicht nur an der langen Zeit, in der Du zu einer Institution in Deinem Viertel gewachsen bist. Das liegt nicht zuletzt, sondern zuallererst an Deiner unvergleichlichen, liebevollen, herzlichen, lauten, raumeinnehmenden, überschwänglichen, Zuneigung, Wärme und Geborgenheit in verschwenderischem Maße ausschüttenden Dir so eigenen Art. Wenn im Winter die Temperaturen gegen Null sanken, warst Du der Paradiesvogel in Bermudas ohne Strümpfe. „Ich mag das nicht, das klebt so an den Beinen“. Gemeint hast Du wärmende lange Hosen. Ich habe nie verstanden, wie Du Frostbeulen und abgestorbenen Zehen entkommen konntest. Lag auch das an Deinem sonnigen Gemüt?

Da ich Deine Geschichte kenne, zumindest das, was Du bereit warst mir zu erzählen, bin ich immer wieder unglaublich stolz und beeindruckt, dass man Dir die Widrigkeiten und Entbehrungen Deines Lebens so gar nicht angemerkt hat. Du warst vielmehr das, was man eine coole Oma nennt. Du hättest hervorragend hinter jedes Disco-Mischpult gepasst und dort eine grandiose DJane abgegeben. Schlank, mit blonder Hochsteckfrisur und blau getönter Riesenbrille im Porsche-Design warst Du optisch eine Wucht und definitiv unverwechselbar.

Und Anpacken konntest Du wie keine Zweite, Deine Energie war einfach unerschöpflich. Hundertprozentig regenerativ, umweltfreundlich und leistungsstark. Ob im OP oder ehrenamtlich mit den behinderten Menschen in der Nachbarschaft, Du kanntest sie alle beim Namen und wen Du einmal in Dein großes Herz geschlossen hattest, den ließest Du nicht mehr dort heraus. Natürlich reichten Familie, Ehrenamt und Arbeit Dir bei weitem nicht. Auch in der Urlaubszeit hast Du nicht stillgestanden. Wenn Opa mit Onkel T. zu ihrer jährlichen Welterkundung aufbrachen, packtest Du Tapeziertisch und Malerpinsel aus und motiviertest den Dich hoffnungslos anhimmelnden Hobbymaler, Dein Heim zu verschönern. Den Rest des Dir zustehenden Urlaubsgeldes investiertest Du dann regelmäßig in Schmuck, natürlich nur in echten und natürlich nur in Gold. Dann habt Ihr beiden um die Wette geglänzt – Du und der neue Schmuck. Ohnehin hast Du viel Wert auf Dein Äußeres gelegt, warst dabei aber nie auch nur ansatzweise eitel. Duschen konntest Du gut und gerne mehrmals am Tag. „Engelsche, ich mag das gar nicht, wenn das riecht.“ Engelsche, damit gemeint war ich. So hast Du mich immer genannt. Auch wenn ich das als Kind so gar nicht schön fand. „Gut Engelsche, für jedes Engelsche bekommst Du ab sofort von mir 50 Pfennig“. Hätte ich das ernst genommen, wäre ich heute wohl reich.

Als ich Dir meine Zukünftige vorstellte, hast Du Dich so für mich gefreut als hättest Du selbst den Traumpartner für’s Leben gefunden. „Nein, was hat die für schöne Zähne.“ Alles andere hat Dir auch gefallen. Und Du ihr natürlich auch. Aber das hat mich nicht die Bohne gewundert, schließlich kenne ich Dich ja schon mein ganzes Leben. Du hast mich so mit bedingungsloser Liebe und Vertrauen überschüttet, dass ich gar nicht anders konnte als glücklich groß zu werden. Danke Omi. Ich vermisse Dich so sehr. Du lebst weiter in unseren Herzen und in den Geschichten, die ich meinen Kindern nicht müde werde, von Dir zu erzählen. Wir lieben Dich.

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22Oktober

Abschied

alter koffer 1Sie stand an Bord der riesigen Fähre und blickte auf die unendliche Weite des Meeres. Über sich hörte sie das Kreischen der Möwen und hätte sie den Kopf gedreht, so hätte sie das Festland gerade noch erahnen können. Immer mehr verschwammen seine Konturen im gleißenden Mittagslicht mit den Sonnenreflexionen des fast völlig bewegungslosen Ozeans. Hier draußen konnte sie das Kreischen der Zikaden nicht mehr hören und den Duft des Thymians nicht mehr riechen. Sie spürte nur noch das Wummern der schweren Schiffsmotoren und fühlte die Feuchtigkeit der vom Bug aufgeschäumten Gischt. Es war ihre erste Schiffsreise, das erste Mal, dass sie überhaupt von zu Hause weg war. Weg von der Mittelmeerinsel, auf der sie die letzten fünfundzwanzig Jahre gelebt hatte. Sie fühlte kein Bedauern, keine Traurigkeit. Erleichterung und Aufregung, auch ein bisschen Angst vor dem, was sie in dem neuen, so weit entfernt liegenden Land erwarten würde. Immerhin war sie dann wirklich fort von ihrer Familie, den Eltern und Geschwistern, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins.

Ihre Mutter war eins von dreizehn Kindern gewesen, alle blieben auch nach Heirat und Geburt ihrer eigenen Kinder im selben Dorf wohnen. So war sie selbst inmitten einer Hundertschaft von großen und kleinen Nachbarn aufgewachsen, die gleichzeitig alle mit ihr verwandt waren. Und trotzdem hatte sie nie den warmen Schoß einer Familie, nie eine fürsorgliche Mutter oder einen liebenden Vater kennengelernt. Im Alter von gerade einmal sechs Monaten hatte sie die Mutter in die Obhut der Großmutter gegeben, um sie vor den Gewaltausbrüchen des Vaters zu schützen. Zumindest hatte ihre Mutter es immer so erklärt, wenn das jüngste ihrer drei Kinder sie bei den seltenen Besuchen fragte, warum es denn nicht wie die beiden großen Geschwister bei der Mutter leben dürfe. Tatsächlich, aber das sollte sie erst viele Jahre später erkennen, hatte die Mutter sie nie gewollt. Nicht nur war sie die Frucht der Lenden des aufbrausenden, grobschlächtigen Ehemannes, den sie nie gewollt, geschweige denn je geliebt hatte und der hartnäckig auf seine Rechte an ihr als gefügige Ehefrau pochte. Auch wurde sie in dem Kriegsjahr geboren, in dem die Besetzer bis kurz vor die Tore des Dorfes vorgerückt waren, die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt und den jüngsten Bruder der Mutter gefangen genommen hatten. Aufgrund der Entbehrungen während der Belagerung verstarben die Zwillinge, die zwei jüngsten, nach ihr geborenen Geschwister. Danach lächelte ihre Mutter nie mehr. Und danach machte ihre Mutter sie für alles Leid, das sie zweifelsohne in nicht auszuhaltendem Ausmaß ertragen musste, verantwortlich.

So zogen also nicht Mutter und Vater, sondern Großmutter und noch nicht verheiratete Tanten sie groß und sorgten dafür, dass es ihr an nichts mangelte, zumindest das leibliche Wohl betreffend. Die psychischen Verletzungen bekam niemand mit, am allerwenigsten sie selbst. Mit zehn Jahren schickte man sie in die über einhundert Kilometer entfernte Hauptstadt der Insel in die Leere. Der Vater wollte sein Geld nicht in die weitere Schuldbildung der Jüngsten verschwenden, sollte sie doch endlich selbst einen Beitrag leisten. Zwar war sie das klügste der drei Geschwister, aber das erkannte niemand. Und selbst wenn, so hatten die Eltern mit der Zahlung der Schulgebühren für die beiden Älteren ihre Pflicht zu Genüge getan.

Die Lehrmeisterin war hart und lieblos, aber eine Meisterin ihres Faches. So lernte sie viel und erwies sich darüber hinaus als sehr geschickt. Doch setzten die seelischen Entbehrungen sich fort und brachten sie schließlich an den Punkt ihres Lebens, an dem sie sich nun befand. Auf der Flucht vor dem tristen Dasein auf einer trockenen, ausgedörrten und vom Krieg gezeichneten Insel. Auf den Weg in eine fremde, unbekannte Welt. An Deck der riesigen Fähre, im Gepäck nur ein paar selbstgeschneiderte Röcke und Blusen sowie das eine Paar Schuhe, das ihre Schwester ihr in einem Anflug von schlechtem Gewissen, weil sie ihr noch so viel von dem geliehenen Geld schuldete, überlassen hatte.

Was sie wohl in Germania erwarten würde, auf jeden Fall besseres. Oder? Das hatten ihr die Männer in den schicken Anzügen versprochen. Im Namen einer großen Firma warben sie überall in Südeuropa Männer und Frauen an, für die es bei ihnen zu Hause viel Arbeit und viel Geld geben würde. Also auch für sie. Denn arbeiten konnte sie, das wusste sie, das hatte sie bewiesen. Also nach vorne blicken und sich freuen auf das, was auf sie zukam.

Wenn sie damals geahnt hätte, was sie in Deutschland erwartete, so fragt sie sich heute, wäre sie dann wirklich nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt in das Flugzeug gestiegen? Oder hätte sie die nächste Fähre nach Hause genommen, nach Hause auf die Insel? Diese Frage kann sie sich auch heute mit fast achtzig Jahren nicht beantworten. Und selbst wenn, würde das an ihrem Leben, auf das sie nun zurückschaut, nichts mehr ändern. Oder?

die storytellers werden oft nach ‚echten‘ Leseproben gefragt. Also nach Auszügen aus den Lebensgeschichten, die wir bereits aufgeschrieben haben. Das ist nicht immer möglich, da es sich hier um echte Geschichten handelt, um wirklich Erlebtes. Unsere Kunden vertrauen uns ihr Persönlichstes an und oft handelt es sich um Erlebnisse, von denen nicht einmal die eigenen Partner oder Kinder wissen.

Aber natürlich wollen Sie auch wissen, wie wir schreiben, wie man sich unsere Arbeit, unsere ‚Schreibe‘ vorstellen muss. Und natürlich freuen wir uns sehr über Ihr Interesse. Nur durch das Lesen unserer, ihrer (!) Geschichten wird unsere Arbeit erlebbar. Also werden wir in den nächsten Wochen Auszüge von Texten veröffentlichen, für die wir von unseren Kunden die Genehmigung erhalten haben.

Der heutige Text ist ein erster Auszug und keine Fiktion - weiterhin viel Freude beim Lesen!

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16Oktober

Von Brautpaaren, Hunden und Radfahrern...

Also ist wieder eine Woche herum und frau sitzt da und weiß nicht, was sie zuerst aufschreiben soll. Jeden Tag passieren aufregende, lustige, auch traurige, anrührende Dinge. Wie entscheidet man, was am interessantesten, kurzweiligsten, schönsten ist?

brautpaare hunde radfahrerDie Geschichte des Brautpaares vielleicht, das nach der kirchlichen Trauung mit der Fotografin durch die malerischen Gassen des alten Städtchens lief, um den schönsten Tag im Leben vor traumhaft idyllischer Kulisse in Bildern für die Ewigkeit festzuhalten und das danach zurück vor der Kirche feststellen musste, dass alle Hochzeitsgäste inklusive des Brautpaar-Fahrers schon zur Lokalität aufgebrochen waren und sie vergessen hatten, woraufhin sich nur noch ein bis dato unbekannter Vespa-Fahrer fand, der die frisch angetrauten auf seinem Gefährt in höchst verkehrswidriger Art und Weise ohne Helm zu Dritt auf einen Sitz gezwängt der Hochzeitsgesellschaft hinterherfuhr – ein Ereignis, das diesen unvergesslichen Tag noch unvergesslicher werden ließ.

Oder vielleicht eine der letzten Schlagzeilen in der Zeit, wonach Kommunen die baldige Einrichtung einer DNA-Datenbank für Hundekot erwägen (ja Sie haben richtig gelesen), in der alle Hunde registriert und so die unbeseitigten Kothaufen zugeordnet werden sollen; Vorbild hierfür sind europäische Städte wie London, wo nächstes Jahr ein Pilotprojekt startet, oder Neapel, wo man den tierischen Hinterlassenschaften schon seit einiger Zeit erfolgreich zu Leibe rückt, eine Idee, die im bergischen Leichlingen bei Köln wohl kurz vor der Umsetzung steht und die sicher auch im hiesigen Kreis Ahrweiler auf viel Zustimmung stoßen würde, sind doch auch wir täglich geplagt von unerwünschten Häufchen auf Grünanlagen an der Ahr, auf Fuß- und Radwegen und - man will es nicht glauben - auch mitten in den Fußgängerzonen; und nein, ich bin kein Hundefeind, im Gegenteil, darf ich doch zwei süße und heißgeliebte Vierbeiner zu meinen Familienmitgliedern zählen und unglaublich, aber wahr, will auch ich trotzdem nicht ständig mit auf die Wiese gehefteten Argusaugen im Grünen spazieren gehen müssen, um ja bloß keine Tretmiene zu übersehen.

Und dann wäre da noch die ewige Freundschaft zwischen Fahrrad- und Autofahrern, die auch in unserer Kreisstadt eine sehr innige ist, lächelt doch selbstverständlich der Radfahrer dem Autofahrer freundlich zu, wenn er als Zweiradfahrer in einer Einbahnstraße für ihn völlig selbstverständlich entgegen der Fahrtrichtung fährt – ist doch schließlich der kürzeste, direkteste Weg, was kümmern ihn da Verkehrsregeln – und hat selbstverständlich überhaupt kein Verständnis, dass der mit vier Rädern ausgestattete Entgegenkommende – der also in richtiger Fahrtrichtung unterwegs ist – sich auch noch aufregt, vor allem weil er sich fürchterlich erschreckt, der soll sich mal nicht so haben … schließlich könnte es derselbe Autofahrer sein, der nach der nächsten Biege keine Lust hat, am Zebrastreifen zu bremsen, das ist ja viel zu anstrengend und zeitraubend, schnell Gas gegeben kommt er doch noch ´rüber bevor der laufende Zweibeiner seinen Fuß auf den weißen Streifen setzt und der Radfahrer dahinter hat doch schließlich auch Bremsen und darf hier sowieso nicht über den Streifen fahren.

Ach ja, so könnte es nun immer weitergehen, aber nächste Woche ist ja auch noch ein Sonntag. Einen schönen Abend noch.

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09Oktober

Dankbarkeit

Heute Morgen steige ich in mein Auto, welches in unserer Familie nicht wirklich mein Auto ist, weil in der Regel mein Mann damit fährt. Die Gründe, warum ich nicht mit meinem eigenen Auto gefahren bin, welches in unserer Familie eigentlich Allgemeingut ist, auch wenn in der Regel ich damit fahre, tut hier nichts zur Sache. Wenn Sie es doch wissen wollen, fragen Sie mich einfach.

Also, ich starte den Wagen, um zu meinem ersten Termin zu fahren. Natürlich habe ich keine Zeit zu verlieren, weil frau trotz frühzeitigstem Aufstehens und bestens durchgeplantem Tagesablauf wieder unter Zeitdruck steht. Ich fahre los und… Ja klar, die Tankanzeige steht bei Null. Eindeutig. Nuller geht nicht. Normal, wieso überrascht mich das überhaupt noch. Ist doch typisch, dass mein Mann den Wagen bis zur Neige leer fährt und im Zweifel lieber zur Tanke schiebt als rechtzeitig zu befüllen. Zum Beispiel abends auf dem Heimweg. Da hätte mann genügend Zeit. Die fünf Minuten später machen den Kohl auch nicht mehr fett, wenn mann spät nach Hause kommt.

Aber nein, wir lassen den Wagen leer stehen als wüssten wir, dass frau am nächsten Morgen nicht mit dem eigenen fährt und die Tankarbeit erledigt. Positiver Zusatznutzen: das Auto der Gattin ist natürlich vollgetankt. Von den glasklar sauberen Scheiben und den absolut krümelfreien Fußmatten ganz zu schweigen. Ach was ist das schön, mit dem Wagen der werten Gattin zu fahren. „Bestimmt entsorgt sie beim Tanken auch gleich das Duplopapier, die gesammelten, teils zerknüllten Parkscheine auf Armatur, in Aschenbecher und Türablage und bringt das Leergut endlich weg, dass ich schon seit einer Woche spazieren fahre…“

Aber zurück zu meinem Morgen. Ich ergebe mich meinem Schicksal der morgendlich leidgeplagten Ehefrau und denke mir, *okay, Du musst tanken, wenn Du mit Auto ankommen willst, sehe es positiv, dann gönnst Du Dir halt noch einen leckeren Latte Macchiato mit Vanille in XL. Perfekt. Denk immer daran, das Glas ist halb voll.“

An meiner Lieblingstankstelle angekommen, stelle ich den Tankhahn auf *automatisch“ und mache mich daran, die Scheibe zu putzen und die Katzenfußspuren auf der Kühlerhaube zu entfernen. Ja lieber Ehemann, das wird Dich jetzt vielleicht überraschen, aber von alleine gehen die nicht weg. Das Auto im Regen stehen zu lassen hilft nicht und auch die Sonne brennt die Flecken nicht einfach weg. Ping. Ups, der Tankvorgang wurde unterbrochen, wahrscheinlich habe ich den Haken nicht richtig einrasten lassen. Also gehe ich zurück und will ihn wieder einstellen, aber er hält nicht. Hm, komisch, ein Blick auf die Zapfsäule bestätigt mir, dass erst acht Liter getankt sind. Also nochmal. Zapfhahn rein und … klick klick .. es funktioniert nicht. Ja, wo gibt es denn sowas. Als hätte ich mich heute Morgen nicht schon genug geärgert. Ist das blöde Ding jetzt auch noch kaputt. Klar, ich hab doch Zeit und keinerlei Eile, grrrr.

Um zu prüfen, ob überhaupt was im Tank angekommen ist, steige ich in mein Auto, also eigentlich das Auto meines Mannes, weil er ja immer damit fährt, aber das wissen Sie schon. Ich stecke den Schlüssel ins Zündschloss und drehe ihn soweit, dass die Tankanzeige anspringt. Und da, der Zeiger rennt sofort wieder auf die Null zu. Äh, Moment, da stimmt was nicht. Wieso steht der Zeiger im Ruhezustand denn auf ‚voll‘, das macht doch keinen Sinn. Der müsste doch auf ‚Null‘ stehen und sich erst bewegen, wenn ich starte. Aber dann wenn der Tank leer ist, wieso bewegt er sich dann überhaupt. Ich gucke noch einmal genau hin und jetzt endlich dämmert es. Der Tank ist voll. War er schon die ganze Zeit. Gott, wie dämlich! Was ist los mit mir, so schlecht habe ich doch gar nicht geschlafen. Hierfür brauche ich doch wirklich keine Lesebrille. Und so alt bin ich doch auch nicht, dass ich an Verwirrung oder schlimmeren leide. Oder doch? Oh oh …

Halt. Nein. Blödsinn. Schuld ist mein Mann - ja klar. Würde er zuverlässig und konsequent sein Auto tanken bevor kaum noch ein Tropfen drin ist, wäre ich doch gar nicht auf die Idee gekommen, der Tank könnte leer sein. Ha, das ist es! Dann wäre ich nicht völlig überflüssigerweise zur Tankstelle gefahren. Ich hätte hier nicht meine eh zu knappe Zeit verschwendet. Auch hätte ich nicht viel zu viel Geld für einen zugegeben extrem leckeren Kaffee ausgegeben, der mit Milch, Zucker und Flavour viel zu viele Kalorien hat. Echt super, vielen Dank mein Lieber, dass Du ans Tanken gedacht hast!

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02Oktober

Was bin ich froh!

Was bin ich froh, im Ahrtal zu leben! Nee, ich weiß, Sie denken jetzt an die traumhaft schöne Landschaft (die zugegebenermaßen ganz doll schön ist). Und nee, nicht wegen des hervorragenden Ahrweines (also nicht in erster Linie … obwohl … der trockene Spätburgunder … mmmh … oder der frühe Burgunder … oder der weiße, der eigentlich ein roter ist … mmmmmh …).

Aber nein! Ich bin nicht froh wegen der Weine (nicht nur). Und schließlich und endlich auch nicht wegen der vielen rücksichtsvollen Autofahrer, die auch in den 50 Stundenkilometer-Zonen konsequent 30 Stundenkilometer in der Spitze fahren! Nein, ich bin so froh, hier leben und wirken zu dürfen wegen der Brötchen-Verkäuferinnen! Jawohl, Sie haben richtig gelesen, mich machen die Damen glücklich, die mir jeden Morgen hinter der Backstubentheke Brötchen verkaufen (okay, manchmal - ganz selten - ist es auch ein Herr). Dabei war unser erstes Zusammentreffen, also kurz nach meinem Zuzug aus der fernen Hauptstadt, nicht wirklich von Harmonie geprägt:

Ich (trotz früher Stunde gut gelaunt, die Sonne schien und es war Sommer – Sommer im Ahrtal!): „Guten Morgen, ich hätte gerne drei Schrippen.“

Die Bäckereifachverkäuferin (sich etwas gestört fühlend, da ich durch mein Eintreten das Ende des Gesprächs mit der vorigen Kundin einläutete, welches gerade mal zehn Minuten oder so gedauert hatte - woher ich das wusste? Ich durfte dem Gespräch in Gänze folgen!) Also sie: „Wie bitte?“

Ich (immer noch gut gelaunt, bestimmt hatte sie mich nur nicht verstanden, weil sie in Gedanken noch dem Gespräch mit Kundin-vor-mir nachhing): „Drei Schrippen bitte.“

Sie: „Haben wir nicht.“ (sich dabei schon der Kundin hinter mir zuwendend) „Guten Morgen Erika. Bei Dir wie immer?“

Ich (mit dem Finger auf die Auslage zeigend, leicht stammelnd wegen der rüden Abweisung: „Doch, da: Brötchen.“ (wenn ich nervös werde, verfalle ich in arg rudimentäre Sprache und bekomme keine zusammenhängenden Sätze mehr zustande.)

Sie: „Ach so, Brötchen, dann sagen Sie doch auch „Brötchen“.“

Also gut.

Ich (meine Atmung beruhigte sich, sie schaute wieder mich an.): „Drei Brötchen bitte.“

Sie: „Wie jetzt, drei Brötchen? Welche denn?“

Oh Gott, der Blick war alles andere als freundlich! Also Pause, gedanklicher Stillstand! Was sollte ich antworten?

Ich fühlte mich wie mit sieben, als meine Mutter mich zum ersten türkischen Gemüseladen um die Ecke schickte; ich sollte für den Religionsunterricht einen Rettich besorgen und kam mangels Kenntnis wie so ein Rettich aussah mit einer Aubergine nach Hause (auf die Frage des Verkäufers an der Kasse: „Wieso Du nimmt das, Du wollen doch Rettich?“ traute ich mich nicht, meine Unwissenheit zuzugeben.

Meine Mutter zerrte ihre sich vor Scham vergehende Tochter zurück in den Gemüseladen. „Ah, ich haben Tochter gesagt, dass sie nehmen falsches Gemüse! Warum sie mich nicht sagen, dass sie nicht kennen Rettich.“ „Ja unglaublich oder? Dabei ist sie schon sieben und kann doch den Mund aufmachen.“ Danke Mama. Es war so demütigend.

Und nun, hier und jetzt? Ich wollte Schrippen! Drei Schrippen! Drei helle, aus Weizenmehl und Wasser geknetete Backteile mich dem kennzeichnendem Spalt in der Mitte. Brötchen von mir aus. Wieso verstand sie mich nicht? Die letzten zwanzig Jahre hatte ich das doch auch hinbekommen. Einfach nur Brötchen, normale Brötchen! - Ha! Da war es! Normal. Ja was denn sonst!

Ich (mit sich überschlagender Stimme; hinter mir hatte sich schon eine kleine Schlange wartender Kunden gebildet): „Drei normale Brötchen bitte.“

Sie: „99 Cent“.

Mit vor Stolz geschwellter Brust legte ich einen Euro auf die Theke: „Stimmt so.“ Und verabschiedete mich mit triumphierendem Lächeln und kurzem Nicken in die Runde. Prüfung bestanden.

Heute, zwölf Jahre später bin ich die Kundin, die freudestrahlend mit „Guten Morgen Frau Höfer, was darf es heute sein?“ begrüßt wird. Da ich die erste in der Familie bin, die morgens aufsteht, sind die Damen (und mitunter Herren) beim Bäcker die ersten freundlichen Wesen, die ich morgens zu Gesicht bekomme (Hunde und Katzen zählen nicht). Sie zaubern mir nicht nur oft noch warme, leckere Backwaren auf die Theke, sondern insbesondere zaubern sie mir das erste Lächeln des Tages ins Gesicht. Von ihnen höre ich die ersten freundlichen Worte des Tages. Immer. Jeden Morgen. Dafür ganz lieben Dank!

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