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wir erzählen Ihre Geschichte...

Geschichten, die zu Geschichte werden, passieren jederzeit und an jedem Ort. Wir halten sie für Sie fest.

Die Großmutter, die ihren Enkeln ihre Familiengeschichte hinterlassen möchte? Das Unternehmen, das anlässlich seines Jubiläums Firmengeschichte ganz besonders aufarbeiten möchte? Wir sorgen dafür, dass Ihre „Story“ erfahr- und erlebbar wird – und bleibt.

22Oktober

Abschied

alter koffer 1Sie stand an Bord der riesigen Fähre und blickte auf die unendliche Weite des Meeres. Über sich hörte sie das Kreischen der Möwen und hätte sie den Kopf gedreht, so hätte sie das Festland gerade noch erahnen können. Immer mehr verschwammen seine Konturen im gleißenden Mittagslicht mit den Sonnenreflexionen des fast völlig bewegungslosen Ozeans. Hier draußen konnte sie das Kreischen der Zikaden nicht mehr hören und den Duft des Thymians nicht mehr riechen. Sie spürte nur noch das Wummern der schweren Schiffsmotoren und fühlte die Feuchtigkeit der vom Bug aufgeschäumten Gischt. Es war ihre erste Schiffsreise, das erste Mal, dass sie überhaupt von zu Hause weg war. Weg von der Mittelmeerinsel, auf der sie die letzten fünfundzwanzig Jahre gelebt hatte. Sie fühlte kein Bedauern, keine Traurigkeit. Erleichterung und Aufregung, auch ein bisschen Angst vor dem, was sie in dem neuen, so weit entfernt liegenden Land erwarten würde. Immerhin war sie dann wirklich fort von ihrer Familie, den Eltern und Geschwistern, Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins.

Ihre Mutter war eins von dreizehn Kindern gewesen, alle blieben auch nach Heirat und Geburt ihrer eigenen Kinder im selben Dorf wohnen. So war sie selbst inmitten einer Hundertschaft von großen und kleinen Nachbarn aufgewachsen, die gleichzeitig alle mit ihr verwandt waren. Und trotzdem hatte sie nie den warmen Schoß einer Familie, nie eine fürsorgliche Mutter oder einen liebenden Vater kennengelernt. Im Alter von gerade einmal sechs Monaten hatte sie die Mutter in die Obhut der Großmutter gegeben, um sie vor den Gewaltausbrüchen des Vaters zu schützen. Zumindest hatte ihre Mutter es immer so erklärt, wenn das jüngste ihrer drei Kinder sie bei den seltenen Besuchen fragte, warum es denn nicht wie die beiden großen Geschwister bei der Mutter leben dürfe. Tatsächlich, aber das sollte sie erst viele Jahre später erkennen, hatte die Mutter sie nie gewollt. Nicht nur war sie die Frucht der Lenden des aufbrausenden, grobschlächtigen Ehemannes, den sie nie gewollt, geschweige denn je geliebt hatte und der hartnäckig auf seine Rechte an ihr als gefügige Ehefrau pochte. Auch wurde sie in dem Kriegsjahr geboren, in dem die Besetzer bis kurz vor die Tore des Dorfes vorgerückt waren, die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt und den jüngsten Bruder der Mutter gefangen genommen hatten. Aufgrund der Entbehrungen während der Belagerung verstarben die Zwillinge, die zwei jüngsten, nach ihr geborenen Geschwister. Danach lächelte ihre Mutter nie mehr. Und danach machte ihre Mutter sie für alles Leid, das sie zweifelsohne in nicht auszuhaltendem Ausmaß ertragen musste, verantwortlich.

So zogen also nicht Mutter und Vater, sondern Großmutter und noch nicht verheiratete Tanten sie groß und sorgten dafür, dass es ihr an nichts mangelte, zumindest das leibliche Wohl betreffend. Die psychischen Verletzungen bekam niemand mit, am allerwenigsten sie selbst. Mit zehn Jahren schickte man sie in die über einhundert Kilometer entfernte Hauptstadt der Insel in die Leere. Der Vater wollte sein Geld nicht in die weitere Schuldbildung der Jüngsten verschwenden, sollte sie doch endlich selbst einen Beitrag leisten. Zwar war sie das klügste der drei Geschwister, aber das erkannte niemand. Und selbst wenn, so hatten die Eltern mit der Zahlung der Schulgebühren für die beiden Älteren ihre Pflicht zu Genüge getan.

Die Lehrmeisterin war hart und lieblos, aber eine Meisterin ihres Faches. So lernte sie viel und erwies sich darüber hinaus als sehr geschickt. Doch setzten die seelischen Entbehrungen sich fort und brachten sie schließlich an den Punkt ihres Lebens, an dem sie sich nun befand. Auf der Flucht vor dem tristen Dasein auf einer trockenen, ausgedörrten und vom Krieg gezeichneten Insel. Auf den Weg in eine fremde, unbekannte Welt. An Deck der riesigen Fähre, im Gepäck nur ein paar selbstgeschneiderte Röcke und Blusen sowie das eine Paar Schuhe, das ihre Schwester ihr in einem Anflug von schlechtem Gewissen, weil sie ihr noch so viel von dem geliehenen Geld schuldete, überlassen hatte.

Was sie wohl in Germania erwarten würde, auf jeden Fall besseres. Oder? Das hatten ihr die Männer in den schicken Anzügen versprochen. Im Namen einer großen Firma warben sie überall in Südeuropa Männer und Frauen an, für die es bei ihnen zu Hause viel Arbeit und viel Geld geben würde. Also auch für sie. Denn arbeiten konnte sie, das wusste sie, das hatte sie bewiesen. Also nach vorne blicken und sich freuen auf das, was auf sie zukam.

Wenn sie damals geahnt hätte, was sie in Deutschland erwartete, so fragt sie sich heute, wäre sie dann wirklich nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt in das Flugzeug gestiegen? Oder hätte sie die nächste Fähre nach Hause genommen, nach Hause auf die Insel? Diese Frage kann sie sich auch heute mit fast achtzig Jahren nicht beantworten. Und selbst wenn, würde das an ihrem Leben, auf das sie nun zurückschaut, nichts mehr ändern. Oder?

die storytellers werden oft nach ‚echten‘ Leseproben gefragt. Also nach Auszügen aus den Lebensgeschichten, die wir bereits aufgeschrieben haben. Das ist nicht immer möglich, da es sich hier um echte Geschichten handelt, um wirklich Erlebtes. Unsere Kunden vertrauen uns ihr Persönlichstes an und oft handelt es sich um Erlebnisse, von denen nicht einmal die eigenen Partner oder Kinder wissen.

Aber natürlich wollen Sie auch wissen, wie wir schreiben, wie man sich unsere Arbeit, unsere ‚Schreibe‘ vorstellen muss. Und natürlich freuen wir uns sehr über Ihr Interesse. Nur durch das Lesen unserer, ihrer (!) Geschichten wird unsere Arbeit erlebbar. Also werden wir in den nächsten Wochen Auszüge von Texten veröffentlichen, für die wir von unseren Kunden die Genehmigung erhalten haben.

Der heutige Text ist ein erster Auszug und keine Fiktion - weiterhin viel Freude beim Lesen!

Posted in Irinis Blog

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