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wir erzählen Ihre Geschichte...

Geschichten, die zu Geschichte werden, passieren jederzeit und an jedem Ort. Wir halten sie für Sie fest.

Die Großmutter, die ihren Enkeln ihre Familiengeschichte hinterlassen möchte? Das Unternehmen, das anlässlich seines Jubiläums Firmengeschichte ganz besonders aufarbeiten möchte? Wir sorgen dafür, dass Ihre „Story“ erfahr- und erlebbar wird – und bleibt.

08Januar

Zwischen zwei Welten

SehnsuchtIch möchte heute gerne einmal der Annahme vieler meiner Freunde und Bekannten und anderer mir im Laufe der Jahre begegneter Zeitgenossen entgegentreten, als Kind von Eltern verschiedener Nationalität und somit zweisprachig und multikulturell aufgewachsen zu sein, wäre ein Segen, ein Gottesgeschenk. Ich behaupte, und ich weiß, ich stehe damit als Betroffene nicht alleine da, unter den mir gott- und familiengegebenen Umständen, ist es …okay, sicher nicht ein Fluch, aber auf jeden Fall zerreißend, zermürbend, schwierig, sehnsüchtig, verloren und anders. Und gleichzeitig auch erhebend, lustig, verrückt, herz- und verstandsöffnend, warm, herzlich, überraschend und - eben anders.

Beginnen wir mit der Sprache. „Ey, Du bist zweisprachig aufgewachsen? Cool, das ist doch toll, direkt zwei Sprachen und Du musstest sie gar nicht lernen.“ Ja klar, sehr cool. Meine Mutter ist Griechin. 1,5 Milliarden Menschen sprechen Englisch, 1,1 Milliarden Chinesisch und immerhin 78 Millionen Koreanisch. Letztere liegen damit auf Platz zwölf der Weltrangliste. Griechisch? Keine Ahnung. (Die Deutschen liegen mit 185 Millionen immerhin auf Platz zehn. Griechenland taucht in der Statistik nicht auf.) Also, einen besonderen Vorteil bei meiner wer weiß wann stattfindenden Weltreise bringt mir dieser Sprachschatz-Vorsprung nicht. Auch wurde Griechisch während meiner Schulzeit weder als Erst- noch Zweit- oder Dritt-Fremdsprache angeboten. Vielleicht hätte ich mich für ein humanistisches Gymnasium entscheiden sollen, dann hätte ich eventuell in Altgriechisch glänzen können. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings eher gering, da Alt- und Neugriechisch bekanntermaßen zwei fast völlig verschiedene Sprachen sind. Okay, ich wusste immer schon, dass „Alpha“ nicht nur der nummerische Wert für eins ist, sondern dem griechischen Alphabet entstammt – aber hat mir das in Mathematik auch nicht den entscheidenden Vorteil gebracht. Oder in sonst irgendeinem Fach.

Auch die praktische Anwendung brachte und bringt so ihre Tücken mit sich. Nicht nur entstammt meine Familie mütterlicherseits einem sehr alten Bauerngeschlecht, sie war auch beheimatet in einem sehr kleinen Dorf auf Kreta. Die Kombination bietet durchaus Sprengkraft. Denn auch in Griechenland artikuliert sich die Dorfbevölkerung marginal anders als die Städter. Der Kreter an und für sich hat dann zusätzlich noch seine ganz eigene, nun, sagen wir mal „schlichte“ Art, sich der Muttersprache zu bedienen. Er verändert das eine oder andere Wort, so dass selbst manch Festlandgrieche mit der Spracherkennung überfordert ist. Natürlich hat meine Mutter stets lupenreines Kretisch mit mir gesprochen. Die zahlreichen Besuche mehrmals im Jahr und immer während der Schulferien haben mein Sprachbild exzellent verfeinert. Lange habe ich gedacht, es sei Zuneigung oder Entzücken, wenn mir die Verwandtschaft aus dem eleganten Athen oder dem gebildeten Thessaloniki den Kopf tätschelte während sie mich griechisch parlieren hörte. Erst viel später als fast schon Erwachsene musste ich erkennen, dass sie mich aufgrund meines schweren Dialektes eher bemitleidet hat oder – im besten Falle – amüsiert war (vergleichbar hierzulande vielleicht mit einem farbigen Kleinkind, dass schwer bayerisch oder schwäbisch plappert).

Aber das war nicht das eigentliche Problem, schon gar nicht, weil ich es als Kind ja nicht wirklich bemerkt habe. Wohl zu spüren bekam ich aber die Anfeindungen und das Getuschel über uns. Nein, nicht hier in Deutschland. Hier habe ich es überhaupt nur einmal erlebt, dass meine Mutter als Kopftuchträgerin beschimpft wurde. Sonst bin ich von solchen verbalen Attacken verschont geblieben. Nein, in Griechenland selbst war es nicht einfach. Wann immer wir zu Besuch bei unserer sehr großen Familie dort eintrafen hieß es, „die Deutschen sind wieder da“. Die kamen dann vollgepackt mit Geschenken aus dem reichen Germania. Die abtrünnige Tochter (meine Mutter), die ihr Volk verraten und einen Deutschen geheiratet hatte (wie konnte sie nur) und die Enkelin (ich), die das griechische „r“ nicht mit der Zunge rollen konnte (ein Umstand, über den sich alle immer lustig machten konnten) und die tatsächlich Tür an Tür mit dem Erzfeind wohnte (den vielen türkischen Mitbürgern im damaligen West-Berlin). Die Geschenke war willkommen, die Schenkenden nicht unbedingt, machten sie doch den Eindruck, auf ihresgleichen von oben herab zu gucken. Und dabei wollten wir doch nur gefallen. Einen Sommer sind wir fast wortwörtlich nur mit den Klamotten am Leib nach Kreta geflogen, weil meine Mutter unbedingt zwei Staubsauger einschmuggeln musste, die als Hochzeitsgeschenke gedacht waren und das Volumen beider Koffer vollumfänglich in Anspruch nahmen. Tja also, in Griechenland war ich in allem zu Deutsch. Zu blond, zu frech, zu freizügig, zu unchristlich. In Deutschland war ich zu Griechisch, nicht blond genug, nicht frech genug, zu religiös und die Mutter eindeutig zu laut und fremdartig.

Und was habe ich dabei die Aufenthalte im kretischen Dorf geliebt! Dank den zwölf Geschwistern meiner Oma gab es zahllose Großtanten- und Onkel, Cousinen und Cousins, sowieso war man mit allen Dorfbewohnern irgendwie verwandt. Beim Essen saß man nicht zu dritt oder viert am Tisch, sondern mit zwölf, sechszehn oder noch mehr Männern, Frauen und Kindern. Immer war es laut, immer lustig und natürlich immer sehr lecker. Jeder kannte jeden, die Haus- und Hoftüren standen bis späte in den Abend offen, nie war man alleine. Und trotzdem gab es diese wundervolle Stille, wenn man außerhalb des Ortes oder am Meer spazieren ging, um einen herum nur das Kreischen der Zykaden und das Rauschen des Meeres.

Die Abschiede waren immer schmerz- und tränenreich und zurück in unserer Zweizimmerwohnung in der Neubausiedlung bin ich fast wahnsinnig geworden vor Kummer und Sehnsucht, eingesperrt in vier Wände und umgeben von Nachbarn, die sich gegenseitig nicht kannten. Das Essen schmeckte fade und selbst in Kreise von Freunden fühlte man sich irgendwie immer allein. Mir fehlte die oft sehr anstrengende, aber allzeit vorhandene Einmischung, Anteilnahme, körperliche Nähe und bedingungslose Liebe, das südländische Temperament, die Musik, das erste Einatmen warmer von Thymianduft durchtränkter Luft beim Ausstieg aus dem Flieger, das Meckern der Ziegen und das Brabbeln der Männer im Dorf-Kafenion, die Leichtigkeit und Unbeschwertheit im Alltag.

Erst viel später musste ich feststellen, in der Zeit, die ich dann dort lebte, dass mir in Griechenland wiederum die Beständigkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Verbindlichkeit fehlten, die Ordnung und Sicherheit, die mein Leben in Deutschland bestimmten. Ein Leben auf Kreta für immer, von dem ich als Kind und Jugendliche immer geträumt hatte, schien unmöglich. Mich nervten die verspäteten Handwerker (wenn sie sich denn überhaupt blicken ließen), die verdreckten Straßen und vernachlässigten Grünanlagen, die Leichtsinnigkeit überhaupt, mit der die Griechen mit ihrem Land und ihren Tieren umgingen. Bei Behörden stieß ich auf lustlose, übellaunige Beamte, die sich tatsächlich nur zu tun herabließen, wofür sie da waren, wenn man ihnen die berühmt-berüchtigten Fakelakia (Umschläge mit Schmiergeld) zusteckte. Den Führerschein hätte ich tatsächlich für sage und schreibe 200,- DM haben können, ein echtes Schnäppchen, in Deutschland hätte ich locker das Zehnfache gezahlt. Habe ich dann auch, denn auf die Fahrstunden wollte ich dann doch nicht ganz verzichten (wie es der griechische Fahrlehrer vorgeschlagen hatte). Kurz, vieles von dem, das mein Leben in Deutschland leicht und angenehm und sicher machte, fehlte mir sehr. So sehr, dass ich wieder zurückkehrte. Natürlich war bei dem Hin- und Hergeziehe auch die Liebe immer ein nicht ganz unwichtiger Faktor.

Lange Zeit dachte ich, nur ein griechischer Mann wäre Mr. Right. Niemand singt schließlich so herzergreifend wie der griechische Mann, niemand liebt und leidet so intensiv, niemand tanzt so männlich, ist überzeugter Macho und bekennender Softy, kann seine Gefühle zeigen – gewollt oder ungewollt - und trotzdem ganz Kerl sein. Okay, auch in dieser Hinsicht bin ich heute schlauer.

Und dennoch, oder gerade deswegen ist da auch heute noch diese Zerrissenheit, die Sehnsucht und das Gefühl, nie wirklich zu Hause zu sein, in der einen Heimat – meiner Heimat. Die liegt wohl irgendwo zwischen den zwei Welten.

Posted in Irinis Blog

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